Heidelbeerextrakt (Anthocyane)
Die Heidelbeere (Vaccinium myrtillus L.), auch als europäische Wildheidelbeere bezeichnet, ist nicht mit der kultivierten Heidelbeere (Vaccinium corymbosum) zu verwechseln, die üblicherweise im Supermarkt verkauft wird. Obwohl beide Arten eng miteinander verwandt sind, unterscheiden sich die Früchte deutlich in ihren Inhaltsstoffen. Die Heidelbeere wächst natürlicherweise in Nord- und Mitteleuropa und zeichnet sich vor allem durch ihren hohen Gehalt an Anthocyanen aus. Darüber hinaus enthält die Frucht unter anderem weitere Flavonoide, Phenolsäuren, Stilbenoide, Terpenoide und Carotinoide.
Anthocyane, auch als Anthocyanoside oder im englischen Sprachraum als „anthocyanins“ bezeichnet, sind wasserlösliche Flavonoide, die für die charakteristische dunkelblaue bis violette Fruchtfärbung verantwortlich sind. Ihre Menge und Zusammensetzung kann unter anderem je nach Herkunft, Wachstumsbedingungen und Reifegrad variieren. Gerade diese Anthocyane stehen im Mittelpunkt vieler Forschungsarbeiten rund um den Heidelbeerextrakt. Sie besitzen antioxidative Eigenschaften und können Prozesse beeinflussen, die für die Gefäßfunktion und die Funktion des Auges von Bedeutung sind.
Die präklinische Forschung konzentriert sich unter anderem auf den Schutz der spezialisierten Zellen der Netzhaut (Retina) vor einer oxidativen Belastung. Darüber hinaus wurden auch Untersuchungen zur Regeneration von Rhodopsin, dem lichtempfindlichen Pigment in den Stäbchen der Netzhaut, sowie zu möglichen Auswirkungen auf die Mikrozirkulation und die Gefäßfunktion durchgeführt.
In der Humanforschung liegt der Schwerpunkt vor allem auf der Ermüdung der Augen und der bildschirmbedingten Augenbelastung, der Akkommodationsfunktion sowie der Mikrozirkulation der Netzhaut. Zudem wurden klinische Studien zu trockenen Augen und zur Tränenproduktion, zur Glukoseregulation sowie – in jüngerer Zeit – zu kognitiven Funktionen und zur Stimmungslage durchgeführt. Umfang und Qualität der klinischen Evidenz variieren je nach Anwendungsgebiet.
Qualitätsaspekte
Die genaue botanische Bestimmung ist wichtig, da andere Vaccinium-Arten eine andere Zusammensetzung und ein anderes Anthocyanprofil aufweisen können. Zudem können sich die Extrakte hinsichtlich ihres Anthocyangehalts und -profils stark voneinander unterscheiden. Untersuchungen an im Handel erhältlichen Produkten haben gezeigt, dass Abweichungen im Anthocyangehalt sowie ein möglicher Austausch oder eine Vermischung mit anderen Anthocyanquellen vorkommen. Die zur Bestimmung des Anthocyangehalts verwendete Analysenmethode kann ebenfalls Einfluss auf den ausgewiesenen Wert haben.
Ein standardisierter Extrakt ist daher vorzuziehen. Dabei sind vor allem die eindeutige botanische Identifizierung, die verwendeten Pflanzenteile, der Gehalt und das Profil der Anthocyane sowie die gleichbleibende Qualität einzelner Produktionschargen von Bedeutung. In klinischen Studien wurden insbesondere Extrakte aus reifen Früchten von Vaccinium myrtillus verwendet, die auf einen Anthocyangehalt von 36 % bis 37 % standardisiert sind. Der Anthocyangehalt wird vorzugsweise mit einer validierten Analysenmethode wie beispielsweise der HPLC (Hochleistungsflüssigkeitschromatographie) bestimmt.
Indikation
- Augenermüdung und bildschirmbedingte Augenbelastung
- Verminderte Akkommodationsfunktion
- Verminderte retinale Mikrozirkulation bei diabetischer und hypertensiver Retinopathie
- Trockene Augen und verminderte Produktion von Tränenflüssigkeit
- Adipositas und Typ-2-Diabetes (möglicherweise unterstützend)
- Niedergeschlagenheit und kognitive Einschränkungen (In-vitro- und Tierstudien)
Kontraindikation
- Überempfindlichkeit gegenüber Heidelbeeren oder Bestandteilen des Präparats
- Schwangerschaft und Stillzeit (aufgrund fehlender Sicherheitsdaten)
Anwendungsempfehlungen
- Ermüdete oder stark beanspruchte Augen: 120 bis 240 mg standardisierter Heidelbeerextrakt pro Tag (43-88 mg Anthocyane)
- Unterstützung der retinalen Mikrozirkulation: 160 mg pro Tag (57 mg Anthocyane)
- Unterstützung bei trockenen Augen: 160 mg pro Tag (57 mg Anthocyane)
Wechselwirkungen
- Heidelbeerextrakt kann möglicherweise die Thrombozytenaggregation verringern. Die gleichzeitige Anwendung mit Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmern kann theoretisch das Blutungsrisiko erhöhen. Die Kombination mit pflanzlichen Präparaten und Nahrungsergänzungsmitteln, die ebenfalls die Thrombozytenfunktion beeinflussen, könnte theoretisch eine additive Wirkung hervorrufen. Die klinische Relevanz dieser Wechselwirkungen ist nicht eindeutig geklärt.
- Heidelbeerextrakt kann möglicherweise den Blutzuckerspiegel senken. Bei gleichzeitiger Einnahme von Antidiabetika oder anderen blutzuckersenkenden Medikamenten oder Nahrungsergänzungsmitteln ist theoretisch eine verstärkte Wirkung möglich. Wegen möglicher Auswirkungen auf die Thrombozytenaggregation und die Blutzuckerregulation sollte die Einnahme mindestens zwei Wochen vor einem geplanten chirurgischen Eingriff abgesetzt werden.
- Tierversuche deuten auf eine mögliche Beeinflussung von CYP2E1 hin. Die klinische Relevanz hierfür wurde nicht festgestellt.
- In-vitro-Untersuchungen deuten darauf hin, dass Heidelbeerextrakt möglicherweise die Wirkung von Erlotinib beeinflussen könnte. Diese Wechselwirkung wurde beim Menschen nicht nachgewiesen.
Sicherheit
Heidelbeerextrakt wird im Allgemeinen gut vertragen. In klinischen Studien wird standardisierter Heidelbeerextrakt in einer Dosierung von bis zu 160 mg pro Tag über einen Zeitraum von maximal sechs Monaten ohne erkennbare Sicherheitsprobleme angewendet. Auch höhere Dosierungen von bis zu 1,4 Gramm pro Tag wurden über einen Zeitraum von vier Wochen untersucht. Mögliche Nebenwirkungen sind leichte Magen- und Darmbeschwerden, Blähungen sowie eine dunkle Verfärbung des Stuhls oder der Zunge.
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