400 mg Ubichinol pro Tag wirksam gegen Migräne

Zusätzlich zur regulären Medikation

14.08.2020 

Ubichinol, die biologisch aktivste Form des Coenzyms Q10, hat eine wenig bekannte und etwas überraschende Wirkung. Die Forschung zeigt, dass die Supplementierung mit dieser vitaminähnlichen Verbindung (200 mg zweimal täglich über 12 Wochen) die Häufigkeit, Schwere und Dauer von Migräneattacken bei Frauen im Vergleich zum Placebo signifikant reduziert.

 

Migräne

Aus medizinischer Sicht handelt es sich bei der Migräne um eine komplizierte neurovaskuläre Dysfunktion, eine Beeinträchtigung der Blutgefäße im Gehirn, die bei Frauen wesentlich häufiger auftritt als bei Männern. Ein erheblicher Prozentsatz der Weltbevölkerung (15,3 % laut der Global Burden of Disease Study aus dem Jahr 2015) leidet daran. Migräne äußert sich in leichten bis schweren Kopfschmerz-Episoden, die mehrere Stunden oder sogar Tage andauern können. Migräneanfälle können allmählich an Häufigkeit und Schwere zunehmen, was sowohl eine abortive (anfallsabmildernde) Medikation als auch eine prophylaktische Medikation zur Verhinderung des Auftretens von Anfällen erforderlich macht. Allerdings wurden für diese Medikamente mehrere unangenehme Nebenwirkungen berichtet. Daher besteht ein zunehmendes Interesse an natürlichen Alternativen wie Coenzym Q10 (oder Ubichinol), Magnesium, Riboflavin (Vitamin B2), Niacin (Vitamin B3), L-Carnitin und Alpha-Liponsäure. Diese Präparate wirken entweder direkt, indem sie die Kopfschmerzen bekämpfen, oder indirekt, indem sie einen Mangel ausgleichen. Hier diskutieren wir die Forschungsergebnisse zu Ubichinol.

 

Physiologische Faktoren bei Migräne

Obwohl die genauen Ursachen der Migräne nicht vollständig geklärt sind, hat die Wissenschaft eine Reihe pathophysiologischer Faktoren identifizieren können.

 

  • Mitochondriale Dysfunktion und nicht-optimale oxidative Phosphorylierung

Mitochondrien spielen eine wichtige Rolle, da ihre Fehlfunktion als eine der Hauptursachen für Migräneanfälle gilt. Biochemische Befunde zeigen, dass eine mitochondriale Dysfunktion sich in einer hohen intrazellulären Kalziumkonzentration, einer übermäßigen Produktion freier Radikale und einer gestörten oxidativen Phosphorylierung äußert. Die oxidative Phosphorylierung oder Elektronentransportkette ist der mitochondriale Prozess, bei dem durch die Anlagerung einer dritten Phosphatgruppe an ADP (Adenosindiphosphat) der Energieträger ATP (Adenosintriphosphat) entsteht. Letztlich führt die mitochondriale Dysfunktion zu einem Energieverlust in Neuronen und Astrozyten (sternförmige Stützzellen im zentralen Nervensystem), wodurch die Migräne-Mechanismen aktiviert werden.

Ein häufig verwendeter Marker für mitochondriale Dysfunktion ist das Laktat-Pyruvat-Verhältnis (L:P) im Blutplasma, da dieses Verhältnis ein indirekter, aber zuverlässiger Indikator für eine beeinträchtigte oxidative Phosphorylierung ist. Bei einer mitochondrialen Dysfunktion ist die Produktion von Laktat (Säurerest der Milchsäure) aus Pyruvat (einem Derivat der Brenztraubensäure) und damit das Verhältnis L:P erhöht. Die Laktat- und Pyruvatwerte sind bei Migränepatienten deutlich höher als bei gesunden Personen.

 

  • Matrix-Metalloproteasen (MMPs) und die Blut-Hirn-Schranke

Die Matrix-Metalloproteasen (MMPs) bilden eine Gruppe zinkabhängiger Enzyme, die verschiedene Proteine und Komponenten in der extrazellulären Matrix abbauen. Mit dieser Matrix ist das Netzwerk aus extrazellulären Makromolekülen gemeint, die den umgebenden Zellen strukturelle und biochemische Unterstützung bieten. Dazu gehören Kollagen, Enzyme und Glykoproteine. Man nimmt an, dass MMPs die Durchlässigkeit der Hirngefäße erhöhen und sogar die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Dies könnte zu Entzündungen im zentralen Nervensystem und Migräneanfällen führen. Während der Migräneanfälle fanden Forscher vor allem eine erhöhte Produktion von MMP-9, einem dieser Enzyme.

 

  • Stickstoffmonoxid und Migräne

Stickstoffmonoxid (NO) ist ein Signalmolekül in vielen physiologischen und pathologischen Prozessen. Diese Verbindung reguliert u. a. die Durchblutung des Gehirns. NO kann Migräneanfälle verstärken, indem es eine Dilatation der Hirngefäße verursacht. NO ist auch an der Verarbeitung von Schmerzreizen beteiligt. Übermäßige Mengen dieser Substanz werden mit einer erhöhten Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke in Verbindung gebracht, einer wichtigen Vorstufe zu Migräneanfällen. NO und sein Metabolit (Peroxynitrit) können eine mitochondriale Dysfunktion verursachen, indem sie die oxidative Phosphorylierung in Zellen blockieren. Wissenschaftler haben gezeigt, dass die NO-Plasmakonzentration bei Migränepatienten signifikant höher ist als bei gesunden Personen.

 

Ubichinol bei Migräne

Einer der Gründe, warum sich die Forscher auf Ubichinol fokussierten, ist, dass mehrere Studien gezeigt hatten, dass der Serumspiegel von Coenzym Q10 bei Migränepatienten niedriger ist als der Referenzwert. Außerdem ist diese vitaminähnliche Substanz ein essentieller Cofaktor bei der oxidativen Phosphorylierung. Durch die Aufrechterhaltung der mitochondrialen Energieproduktion schützt Ubichinol vor plötzlichem Versagen oder der Degeneration der Mitochondrien. Darüber hinaus schützt Ubichinol als Antioxidans und Radikalfänger vor Zellschäden durch ROS (reaktive Sauerstoffspezies wie Superoxid (O2) und Wasserstoffperoxid) und verbessert die aerobe Kapazität. Da mitochondriale ROS die Aktivität von MMPs steuern, hat Ubichinol eine regulierende Wirkung. Schließlich reduziert die Ubichinol-Supplementierung die Produktion von NO und der induzierbaren Stickstoffmonoxid-Synthase (iNOS), einem Enzym, das die Produktion von NO aus der Aminosäure L-Arginin katalysiert.

 

Studien-Design

Für die Studie wurden Frauen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren mit Migränebeschwerden ausgewählt. Dabei wurden verschiedene Ausschlusskriterien angewandt. Nicht zugelassen wurden Frauen in den Wechseljahren, die schwere organische oder psychiatrische Komorbiditäten (gleichzeitige andere Erkrankungen) hatten, die unter Spannungs- oder anderen Arten von Kopfschmerzen litten, die ständige Kopfschmerzen hatten, die in den letzten 6 Monaten vorbeugende Medikamente gegen Migräne eingenommen hatten, die vor ihrer Anmeldung mindestens 3 Monate lang Coenzym Q10 (oder Ubichinol) oder andere Antioxidantien als Nahrungsergänzungsmittel eingenommen hatten, die rauchten, die stillten, die schwanger waren oder beabsichtigten, schwanger zu werden, und die einen Schlaganfall oder Herzinfarkt erlitten hatten. Alle teilnehmenden Frauen erhielten neben der präventiven Medikation auch Ubichinol oder – in der Kontrollgruppe – eine Kapsel mit Stärke.

 

Studienergebnisse

Die Studienergebnisse zeigten, dass die Ubichinol-Supplementierung Laktat, Pyruvat, NO und MMP-9 signifikant absenkte und den Serumspiegel von Coenzym Q10 erhöhte. Im Gegensatz dazu gab es in der Placebogruppe keine signifikanten Veränderungen.

Von viel größerer Bedeutung war jedoch der klinische Nutzen der Ubichinol-Supplementierung (400 mg/Tag verteilt auf zwei Einnahmezeitpunkte über 12 Wochen): Im Vergleich zur Kontrollgruppe waren die Häufigkeit, der Schweregrad und die Dauer der Migräneattacken erheblich reduziert.

Die verwendete Ubichinol-Dosis war gut verträglich und zeigte keine schwerwiegenden Nebenwirkungen.

Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass eine Supplementierung mit Ubichinol eine wichtige Ergänzungsbehandlung für Migräne darstellen kann.

 

Literatur

Nattagh-Eshtivania E, Dahrib M, Hashemilarc M, et al. The effect of Coenzyme Q10 supplementation on serum levels of lactate, pyruvate, matrix metalloproteinase 9 and nitric oxide in women with migraine. A double blind, placebo, controlled randomized clinical trial. Eur J Integ Med. 2018;21:70–76.

Vos T, Allen C, Arora M, et al. Global, regional, and national incidence, prevalence, and years lived with disability for 310 diseases and injuries, 1990–2015: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2015. Lancet. 2016;388:1545-1602.

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